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11416212_619845611486693_4712069873034731983_nDie Helene Fischer der Politik – von Matteo Di Prima

„Das Land ist viel grüner als viele denken“, sagte der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann in einem Interview für die Süddeutsche Zeitung vom 19. April 2016. Ob er damit Recht hat? Irgendwie schon. Denn Baden-Württemberg hat nun endlich eine eigene CSU: Die Grünen. Abseits des akademischen Lehrer- und Pädagogenhabitus der Großstädte, im ländlichen Raum,  treten sie selbstbewusst im Trachtenoutfit auf und strahlen dabei Heimatverbundenheit aus. Alexander Bonde ist einer der Vorzeigetrachtenträger schlechthin. Er kommt aus Baden-Württemberg. Den Namen müssen Sie sich nicht merken. Ebenso wenig die mit ihm verbundenen Ämter oder Affären. Bonde war Minister für Landwirtschaft, Naturschutz und ländlichen Raum im Kabinett Kretschmann I. Richtig. Er hat in etwa denselben Bekanntheits- und Stellengrad wie der Bundesotto der CSU, Christian Schmidt, der sich auch um Rüben, Kraut und Nutztiere kümmern muss. Nun aber meldet sich eine Parteifreundin Bondes zu Wort. Die 26-jährige Kerstin Lamperter, die ebenfalls für die Partei der GRÜNEN bei der Landtagswahl 2016 kandidiert hatte. Die Neuigkeit: Schockierend! Lamperter und der verheiratete Bonde sollen eine dreijährige heimliche Liebesbeziehung geführt haben.

Und so schrieb die traurige Lamperter auf Facebook: „Deshalb habe ich mein Amt im Kreisvorstand, als Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Landwirtschaft und als Sprecherin im Ortsverband schweren Herzens niedergelegt, um Abstand von der schwierigen Situation zu gewinnen“. Nun, Lamperter erfuhr aus Parteikreisen, dass sie nicht die Einzige sei, an der Bonde seine politische Unzulänglichkeit mit vermeintlicher Lebenslust zu kompensieren versuchte. Das ist nicht weiter tragisch und auch nicht erwähnenswerter als die Flatulenz eines örtlichen Kommunalpolitikers der CDU im Schwarzwald. Doch ist der Umgang mit diesem Thema in den eigenen Reihen und in der Öffentlichkeit von gewisser Brisanz und offenbart damit die Tabuisierung eines Sachverhaltes innerhalb der Partei, der – wenn überhaupt – nur im Privaten auszudiskutieren wäre. Doch die moralische Entrüstung über das fehlende monogame Bewusstsein der Amts- und Mandatsträger sagt viel mehr über die fehlende Progressivität dieser Partei und unserer Gesellschaft aus als jene Interviews des Ministerpräsidenten Kretschmann, in denen er seinen Konservatismus mit der Erhaltung der „Art“ und der „Natur“ zu rechtfertigen versuchte. Auch die reaktionäre Rhetorik der Protagonistin steht in einem gewissen Widerspruch zu der oftmals propagierten progressiven Lebensform der grünen Parteifreunde: „Aus Parteikreisen erfuhr ich dann, dass ich nicht die einzige bin, der er sich gewidmet hat„. Was nach rhetorischen Perlen aus einem entfernten Jahrhundert klingen mag, lässt tief blicken.

Doch markiert diese kleine Gossip-Geschichte einen möglich entscheidenden Grund für die hohe Zustimmung der Grünen im konservativen Ländle. Sicher, die causa Bonde/Lamperter mag unbedeutend sein, ja eigentlich banal. Sie ist ein Teil der artikulierten Flatulenzen des politischen Schließmuskels der biederen Politik und Lifestyles dieser grünen Partei. Man nehme etwa die Distanzierungsäußerungen des grünen Ministerpräsidenten gegenüber seinem Parteifreund Volker Beck, als dieser wegen Besitzes von Crystal Meth von seinen Ämtern im Bundestag zunächst zurückgetreten war. Auch hier offenbart sich eben jene Spießigkeit, die wir aus plakativen Werbefilmchen der Schwäbisch-Hall kennen. Kretschmann verkörpert eben diesen Habitus. Kretschmann ist der gelebte Bausparvertrag mit garantiertem Biosiegel.

Es gab eben nie einen Wunsch nach Politikwechsel im Land. Baden-Württemberg ist seit jeher konservativ. Die CDU ist aber mittlerweile zu langweilig. Dann wählt man eben eine ebenso reaktionäre, heimatverbundene und wirtschaftsliberale Partei, die aber frischer, hipper und jünger auftritt. Die Grünen sind die Helene Fischer der Politik: sie glitzern an der Oberfläche, besitzen aber keine Substanz. Sie sind leicht verdauliche Kost statt unbequeme Gesellschaftskritik. Wir nehmen uns einfach alle an den Händen, tanzen unseren Namen und fahren mit unseren Volvos vor unser Biodiversitätshaus. Und für das soziale Gewissen spenden wir ab und an einige in der „Heimat“ erzeugte Bio-Kleider an die Flüchtlinge, aber nur im Austausch mit einem Selfie und der moralischen Erpressung, die immer mit Barmherzigkeitshandlungen einhergeht, da der der gibt, statusmäßig immer eine Stufe höher steht, als der der nimmt. Bunte Feste und Willkommenskreise auf der einen Seite und harte Asylverschärfungen auf der anderen. Das ist sie: die Partei der bürgerlichen Besserverdiener. Die Partei, die soziale Gerechtigkeit mit symbolpolitischer Schlagerkultur verwechselt. Das ist sie. Die Partei, die sich progressiv gibt, aber in Wirklichkeit ein genauso verschrobenes Bild von Liebesbeziehungen, Sexualmoral und libertärer Dorgenpolitik hat, wie ein ins Alter gekommener CSU Kreispolitiker in Bayern. Man vögelt eben nur heimlich die Sekretärin – Pardon: man „widmet“ sich ihr. Nach außen hin aber gibt man den wertkonservativen Familienvater oder die wertkonservative Mutter und den treuen Ehegatten. Müsste eine progressive Kraft nicht eigentlich ein freiheitliches Verhältnis zu Affären, Liebschaften und dergleichen haben? Müsste man nicht eigentlich gegen gesellschaftliche Zwänge ankämpfen, ja diese durchdringen? Sicher. Dass Minister Bonde die Parteifreundin hier möglicherweise emotional verletzt hat, ist für diese unschön. Dass er möglicherweise auch seine Frau dadurch verletzt hat, ebenso. Doch warum entsteht hier bloß das aufdringliche Gefühl von Bigotterie? Eine Alltagsflatulenz besorgt das politische Spektrum im Ländle und sorgt für moralische Entrüstung. Willkommen im reaktionären Lager liebe Grüne. Ihr braucht langen Atem. Sonst kommt ihr nicht durch die Nacht.

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