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11416212_619845611486693_4712069873034731983_nVon Matteo Di Prima – Stadtrat DIE LINKE. Lörrach; fds- Mitglied Baden-Württemberg

Schönwetterveranstaltungen liegen Winfried Kretschmann nicht. Ebenso wenig liegen ihm leidenschaftliche Beziehungen. Eine Schönwetterveranstaltung ist für ihn die „dogmatische“ Doppelspitze seiner Partei. Die nervt den jovial auftretenden Landesvater im Ländle. Was soll das denn auch, so eine Doppelspitze? Das erinnere ja an eine Ehe. Mit so etwas will aber der Landesvater nichts zu tun haben. Nachher könnte es ja noch eine leidenschaftliche Ehe werden. Das aber erzürnt den calvinistischen Geist im Grünen. Eine Ehe hat schließlich funktional zu sein, nicht leidenschaftlich. Sie hat kein Spaß zu machen, sie muss auch nicht gleichberechtigt sein, sie sollte aber stabil und konsensual geführt werden. Weshalb sie eigentlich besteht, ist nebensächlich. Hauptsache sie funktioniert irgendwie. Dann passt es auch, dass Kretschmann am 19. April 2016 in einem Interview mit der Badischen Zeitung über die Schwierigkeiten der grün-schwarzen Eheverhandlungsgespräche schwäbelt. Hier schwäzt er davon, dass die Koalition mit der SPD zwar eine Wunschehe gewesen sei, man mit ihr aber bereits in getrennten Betten geschlafen habe. Wo vielleicht sexuelle Eheprobleme mit den Sozen eine Rolle für die Ehescheidung gespielt haben, sieht Kretschmann stattdessen den funktionalen Gedanken der Auflösung dieser Partnerschaft. Kretschmann, der für einen klaren Kurs bekannt ist, musste die Beziehung mit der SPD einfach beenden, ließ sich sein bisheriger Juniorpartner auf dem Schulhof doch zu sehr von der AfD hänseln und letztlich auch das mit Wählerstimmen bestrichene Pausenbrötchen wegnehmen. Ein solcher Partner passt nicht zu einem Staatsmann wie Winfried Kretschmann. Zu schwach, zu weinerlich, zu wenig durchsetzungsfähig, nicht polarisierend genug. Da braucht er schon einen dominanteren Partner. Einen, der ihn auch versteht. Das dies nun ausgerechnet die von Gudio Wolf angeführte CDU geworden ist, lässt tief blicken. Die Ehe mit der CDU betont Kretschmann, sei im Vergleich zur SPD eine pflichtbewusste Eheschließung. Natürlich schlafe man auch in getrennten Betten. Was anderes komme für den konservativen Christen ohnehin nicht in Frage. Wichtig seien ihm Stabilität und Konsens. Auch dort, wo es genug Streit gäbe, etwa in der Bildungs- und Schulpolitik. Kretschmann möchte eine langweilige, biedere und keusche Ehe führen. Stabilität durch Langeweile, pragmatischer Konsens zur profilaktischen Verhinderung von Ehezoff und eine völlige Aufgabe von Lust und Mut zur Veränderung. Man könnte auch sagen, Winfried Kretschmann macht die Politik die auch fast 82 Millionen Bundesbürger tagtäglich praktizieren. Man steht morgens früh auf, um den überwiegenden Teil seiner Lebenszeit in Büros zu verbringen, die einem ein zu Hause vorgaukeln sollen, welches in Wirklichkeit eine in der Matrix umhüllte Scheinwelt ist. Die Henne muss eben ihre Eier legen und so scheut sich die Firmenpolitik nicht, den Mitarbeitern regelmäßige Kurse im Gesundheitsmanagement, Rückenschulungen und Stressbewältigungsseminare anzubieten. Wer dann abends nach Hause kommt, hat sicherlich keine Lust mehr zu vögeln. Es fehlt ja auch die Zeit.

Man isst schnell eine Kleinigkeit, betäubt den überlasteten Geist mit geistlosem Quark im Fernsehen und geht zeitig schlafen, um am nächsten Morgen wieder arbeitstauglich zu sein. Am Dienstag und am Donnerstag geht man aber noch ins Yoga oder ins Zumba, das hat der Stressbewältigungsfuzzi vom Seminar so empfohlen. Kostet beides nur 120 Euro im Monat. Naja, um sich das leisten zu können, muss man dann ein paar Überstunden leisten. Dann lohnt sich die Stressbewältigung allerdings. Und wen soll man sonst zu seinem politische Vertreter wählen, wenn nicht jene Partei, die genau für diesen Lifestyle einsteht? Wir bleiben Geiseln des Kapitalismus, aber wir haben die Freiheit uns in der Matrix der biederen Gesundheitsjoghurts und Bioprodukte gesund zu kaufen, um weiterhin beim großen Spiel mitzumachen. Dieses Bild der gegeißelten und funktionalen Gesundheitsfetischisten verkörpert Winfried Kretschmann nur zu gut. Seine Parteifreunde sollten sich ein Beispiel an seinem Politikstil nehmen. Die Grünen hätten es im biederen Deutschland einfacher, bundesweite Mehrheiten für sich zu gewinnen, würden sie ebenfalls auf den Verzicht des Geschlechtsverkehrs in der Ehe, auf die Stabilität der Alltagslangeweile und auf profilaktischen Konsens setzen. Aber nein. Stattdessen müssen sie ja unbedingt an dieser komischen freizügigen und dogmatischen Doppelspitze festhalten. Mann – Frau. Realo – Linker. Welch ein parteipolitischer Irsinn! Welche eine dogmatisch irsinnige Dialektik! Winfried Kretschmann ist freilich gegen die Doppelsitze seiner Partei. Ihn stört vor allem, dass die Doppelspitze als Repräsentationsinstanz für die unterschiedlichen Flügel seiner Partei diene, um gleichermaßen Vertreter des realpolitischen und des linken Flügels zu berücksichtigen. By the way: weniger stört ihn wohl die Tatsache, dass es bei der Doppelspitze auch um Geschlechtergerechtigkeit geht. Warum sollte ihn das auch stören, schläft er doch regelmäßig in getrennten Betten. In der Politik muss man sich halt entscheiden, welchen Kurs man fährt: realo oder links. Beides geht nicht. Brust oder Keule. Die Richtungsentscheidung hat er ja seiner Partei im Ländle bereits erfolgreich abgenommen. Denn noch nie gab es in Baden-Württemberg einen beliebteren CDU-Ministerpräsidenten als ihn. Die Abneigung gegenüber dem Pluralismus in seiner Partei verkauft er gut verpackt in der Begründung, dass es für Wahlerfolge mehr auf Personen ankomme, ein einziger Spitzenkandidat somit mehr rausholen könne als eine männlich-weibliche Doppelspitze. Während die männliche und wohl zum linken Flügel der Partei zählende Personalie Hofreiter meint, dass solche Strukturdebatten mit Blick auf die Bundestagswahl 2017 zur Unzeit geführt würden, man sich jetzt lieber auf Inhalte konzentrieren solle, räumte seine weibliche und wohl im realpolitischen Flügel beheimatete Personalie, Katrin Göring-Eckart ein, dass Personalisierung für einen Wahlkampf wichtig sei. Doch ist ihnen der schwarzgrüne Schwabe in diesem Punkt voraus. Kretschmann hat schon längst begriffen, dass Wahlen nicht mehr mit Inhalten gewonnen werden. Vielmehr geht es darum, grüner Heilsbringer zu sein und das Gefühl von Heimat und gezügelten Spaßes zu vermitteln. Und das kann Kretschmann bestens, wie er bei der letzten Landtagswahl im Ländle wieder einmal unter Beweis stellen konnte. Man geht am Wochenende zur Party, aber man betrinkt sich nicht, man degustiert nur den guten Biowein vom lokalen Parteifreund. Man erklärt sich einverstanden mit der Legalisierung von Cannabisprodukten, aber man verzieht das Gesicht und rüffelt mit der Nase, wenn so ein „Kiffer“ nebendran einen Joint raucht. Man setzt auf fairen Handel, aber nur soweit man in seinem Wohnort einen Lebensmittelverein gründen kann, sich lustige Namen gibt und komplizierte und juristisch höchst anspruchsvolle Satzungen entwirft. Verändern will man aber nichts. Das ist zu viel des Guten.

Es geht doch schon lange nicht mehr darum Wähler dadurch zu gewinnen, dass man ihnen komplexe Lebenssachverhalte in einer einfachen Sprache erklärt und politische Lösungsvorschläge unterbreitet, unter denen sich dann die Wähler entscheiden können. Das bürgerliche Lager will Lifestyle, nicht politische Konzepte. „Du bist Deutschland“ muss es heißen oder „you are digital native“. CDU und SPD haben hierbei ziemlich abgewirtschaftet. Ihr Lifestyle ist sowas von 90er, der der Linken sogar 70er. Sie bieten den Menschen in den Büros und Fabriken keinen Zumba oder New-Style Yoga an, sondern verstaubte Aerobic-Kurse und Federballmatches mit musikalischer Untermalung von Brian Adams und Toto. Die Wählermilieus der Rechtspopulisten dagegen finden Deutschtümelei und völkische Abschottung prima, während die Grünen den Heimatschutz in biederem, aber modernen Lifestyle verpacken. Die Grünen haben sich in den vergangenen fünfzehn Jahren den politischen Alleinvertretungsanspruch der Biedermeier erkämpft. In Baden-Württemberg haben sie ihn gewonnen. Nicht nur im Land, sondern vor allen in den kommunalen Vertretungsgremien. Heimat ist Naturverbundenheit. Heimatschutz ist dann aber auch politische Verantwortung. Man ist stolz auf den Regionalpatriotismus, auf regionale Bio-Produkte und verabscheut alles Ungesunde. Es ist eben dieser schmale Grad, wo Bio-Lifestyle zur Ideologie wird, ehe er zum Wahn verkommt. Rassisten ziehen die Grenzen zwischen Nationalitäten und ethnischer Abstammung. Sozialisten ziehen ihre Grenzen zwischen ökonomischen Klassen. Die Grünen aber ziehen ihre Grenzen zwischen Alnatura und Reformhaus. Und dann passt es doch ganz gut, wenn die Grünenspitze um Cem Özdemir und Winfried Kretschmann mehr auf den Dialog mit dem Mittelstand setzt. Die Öko- Wende, so Kretschmann, könne nur mit dem Mittelstand, niemals gegen den ihn erreicht werden. Da mag er Recht haben. Denn auch die Machtergreifung der Braunhemden gelang in Deutschland letztlich nur mit der Unterstützung von Industriellen. Kretschmann wird es schon richten. Er wird seiner Partei schon reinen Wein einschenken. Schließlich sind sie abhängig von ihm. „Nicht kopieren, aber kapieren“, das sei das Leitmotto auf der Suche nach der Lehre aus Kretschmanns Wahlsieg, sagt etwa Parteichef Cem Özdemir. Auch Reinhard Bütikofer, Chef der Europäischen Grünen sagt: „Es ist schön, dass wir den Choral singen: Wir sind Kretschmann. Aber zur Ehrlichkeit gehört auch: Sind wir nicht. Wir sind zu wenig Kretschmann.“ Während also das Prekariat und das erzkonservative deutschnationale Bürgertum vornehmlich im Osten der Republik „Wir sind Volk“ skandieren, um ihren Rassismus und Nationalismus auszuleben, wird man wohl vor Alnaturamärkten künftig „Wir sind Kretschmann“-Rufe skandieren. Ob die Waldorfschulen dann zu antroposophischen Kaderschulen für radikalisierte Biofaschisten werden? Wer weiß. Eines aber ist sicher. Setzen sich Kretschmann und Özdemir beim neuen Kurs der Mitte durch, dürfen die Lohnsklaven wohl künftig mit biodiversen Fahrzeugen in die heimatverbundene Fabrik, Büroanlage oder Hennenbatterie fahren, um sich noch mehr Lebenskraft aussaugen zu lassen. Es kommt nicht darauf an, die Strukturen der Gesellschaft grundlegend neu zu überdenken oder gar zu verändern. Nein. Allein entscheidend ist der Lifestyle. Alles andere wäre ja zu viel Sex. Und das ziemt sich nicht für eine Gesellschaft, die in getrennten Betten zu schlafen pflegt

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